Andalusien und seine Schaetze
Donnerstag 4. September 2008 von admin
Die andalusische Hauptstadt Sevilla erlebte bereits als Metropole des maurischen Königreichs „al Andalus“ eine Blütezeit. Das über Jahrhunderte friedliche Miteinander von Christen, Juden und Moslems in den Zeiten vor der Reconquista prägte die Stadt am Guadalquivir. Dieser fruchtbare Kulturaustausch spiegelt sich in der Architektur wieder, jener Mischung aus gotischen und arabischen Elementen. So diente der Turm der katholischen Kirche „Maria de la Sede“ einst als Minarett der alten Moschee. Im „Orangenhof“ nahmen die Moslems ihre rituellen Waschungen vor. Durch die „Puerta de los Palos“ gelangt man von hier direkt in die Kathedrale. Mit neun Portalen und der riesigen „Puerta de San Cristóbal“ gilt sie als die schönste Spaniens. Über hundert Jahre dauerten die 1406 begonnenen Bauarbeiten an dem gotischen Dom, der mit dem römischen Petersdom und St. Pauls in London zu den größten Gotteshäusern der Christenheit zählt. Wer den Aufstieg in den Turm der „Giralda“ wagt, wird mit einem herrlichen Blick auf Altstadt und Alcázar belohnt. Dieser Palast ist ein gelungenes Beispiel für den Mudéjar-Stil jener christlichen Bauwerke, die sich mit maurischen Elementen schmücken
Nach Sevilla ist wohl Córdoba die faszinierende Stadt Andalusiens. Wunderschön ist ihr Anblick von der Brücke über den Guadalquivir. Am besten genießt man diese Aussicht in der Abenddämmerung. Dann wirkt die Silhouette der Stadt vor den Hügeln der Sierra Morena wie gemalt. Mittel- und Glanzpunkt Córdobas ist die „Mezquita“. Die ehemalige Moschee gilt als bedeutendste Zeichen arabischer Baukunst in ganz Europa. Es grenzt an ein Wunder, dass dieses Bauwerk überhaupt noch erhalten ist. Nach der Reconquista hatte man um 1520 auf Befehl Karl V - übrigens gegen den Villen der Cordobeser - bereits mit dem Umbau zur Renaissance-Kathedrale begonnen. Als der Kaiser die Stadt besuchte, gebot er den Arbeiten Einhalt - erschrocken darüber, wie er etwas so Einzigartiges beinahe zerstören hätte lassen. Das seither katholische Gotteshaus steht heute als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO. Ein schier endloser Wald von 856 Säulen aus Marmor, Jaspis und Granit, unzählige Rundbögen, Mosaiken und eine überwältigende Fülle an Ornamenten lassen einen noch immer staunen über die Baukunst der Mauren. Wer nach dem Besuch der „Mezquita“ noch Zeit hat, kann die fantastische Aussicht vom Glockenturm genießen oder im „Patio de los Naranjos“ unter alten Orangenbäumen ausruhen. Empfehlenswert sind die Besichtigung des “Alcázars” und ein Bummel durch die engen Gassen der Altstadt. Deren Anwohner scheinen sich mit Blumenschmuck für ihre malerischen Innenhöfe zu überbieten, und tatsächlich wird jedes Jahr der schönste „Patio“ prämiert.
Während der Rückeroberung Córdobas durch die christlichen Könige, flüchtete das Kalifat nach Granada. In der Stadt am Fuße der Sierra Nevada konnte die maurische Festung einer Belagerung länger standhalten. Mit ihren verschiedenen Palästen aus dem 13. und 14. Jahrhundert ist die „Alhambra“ bei weitem das schönste arabische Bauwerk auf europäischem Boden. Dass sie während der blutigen Reconquista nicht zerstört wurde, ist dem letzten Nasriden-Herrscher Boabdil zu verdanken. Der übergab 1492 Festung und Stadt kampflos an die kastilischen Ritter, zog sich erst in die Berge der Alpujerras zurück und ging dann ins afrikanische Exil.
Das letzte Refugium der maurischen Könige wurde 30 Jahre nach dieser Kapitulation auf Geheiß Kaiser Karl V. zwar ebenfalls christianisiert, hat seinen einmaligen Zauber jedoch bis heute bewahrt. Doch wie bei allen Märchen aus 1001 Nacht ist es alles andere als leicht in die Wunderwelt einzutauchen. Wer die prachtvolle Festung besichtigen möchte, braucht Geduld und davon reichlich. Tickets gibt es nur auf Vorbestellung. Selbst nach der ordnungsgemäßen Reservierung steht man noch in langen Schlangen vor den Kassen, bevor man das begehrte Dokument endlich in den Händen hält. Beschauliche Rundgänge im wunderschönen Löwenhof dürften die wenigstens Besucher genießen. Spätestens vor dem Palasteingang ist wieder Warten angesagt. Zudem gilt die Eintrittskarte für dessen Besichtigung nur für ein bestimmtes Zeitfenster. Zu den schönsten der reich verzierten Räume zählen der ehemalige Thronsaal „ Sala des los Embajadores“ mit seiner hölzernen Kuppel, sowie die „Sala de las dos Hermanas“. Als „zwei Schwestern“ bezeichnet man dabei die zwei gigantischen Bodenplatten. Ebenso eindrucksvoll ist das Deckengewölbe des Saals mit seinen ca. 5000 Stalaktiten.
Leider kein Geheimtipp mehr, aber dennoch absolut märchenhaft ist ein Rundgang bei Nacht. An bestimmten Tagen der Woche öffnet die Festung ihre Tore auch am Abend. Wer dazu noch stilvoll in einem Weltkulturerbe übernachten möchte, residiert im Parador-Hotel, das inmitten der alten Klostermauern aus dem 15. Jahrhundert errichtet wurde.
Alle Anderen trösten sich mit einem Besuch in der Sommerresidenz der Nasriden, denn auch der Garten des Kalifen scheint ein Traum. Oberhalb der Alhambra gelegen, ist “El Generalife” mehr als nur ein grünes Paradies mit einer Blütenpracht in allen Farben und Formen. Die Struktur der Anlage und ihr immer noch funktionstüchtiges Bewässerungssystem zeugen vom hohen Maß an Fachwissen, über das die arabischen Konstrukteure schon vor mehr als einem halben Jahrtausend verfügten. Der Besucher erfreut sich am Ergebnis: einer Fülle an plätschernden Brunnen und hübschen Wasserspielen in einer der heißesten Regionen Europas.
Málaga dürften die meisten Touristen wohl kaum eines näheren Blickes würdigen. Man kommt am Flughafen an und reist weiter in einen der Badeort an die Costa del Sol oder zum Felsen von Gibraltar. Schade, denn auch die Heimatstadt Pablo Picassos ist reich an Kunstschätzen. Nicht weit entfernt von seinem Geburtshaus an der „Plaza de la Merced“ befindet sich das „Museo Picasso“. Die Altstadt rund um die Kathedrale ist sehr reizvoll und die Aussicht von der Burgruine des „Castillo de Gibralfaro“ einfach traumhaft. Zu ihren Füßen liegt die “Alcazaba”, die maurische Festung aus dem 13. Jahrhundert. Mit ihren noch weitaus älteren Türmen und Toren und den benachbarten Resten eines römischen Theaters ist die Anlage in jedem Fall eine Besichtigung wert.
Die Spuren der Mauren sind noch überall in Andalusien noch sichtbar. Doch weitaus wichtiger dürfte der Einfluss gewesen sein, denn die Araber über fast 800 Jahre hinweg auf Europa genommen hatten. Gartengestaltung, fortschrittliche Anbaumethoden und ausgeklügelte Bewässerungssysteme geben davon Zeugnis. Fast schon modern muten ihre wissenschaftlichen Ansätze an in Astronomie, Mathematik, Medizin und Arzneimittelkunde. Kein Wunder, dass die auch ersten Apotheken Europas in „al Andalus“ zu finden waren. Diese kulturgeschichtlich so reiche Region war und ist eben weit mehr als nur die bekannte und beliebte „Sonnenküste“ Spaniens.
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